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Ein abgemagerter Hund liegt apathisch auf einem gigantischen Berg aus
organischen Abfällen, sein Körper ist übersät mit
eiternden Furunkeln und das Fell verklebt von seinem Kot. Den Kampf
gegen die lästigen Fliegenschwärme hat er schon lange aufgegeben.
Ja, hier in der Müllsammlersiedlung von Esbet en Nakhl haben die
Aasfliegen ein wahres Eldorado gefunden. Der süßliche Gestank
von Fäulnis mischt sich mit dem beißenden Verwesungsgeruch
von Tierkadavern – hauptsächlich Ratten, die hier augenscheinlich
in der gleichen Häufigkeit anzutreffen sind wie die Fliegen.
Dazwischen herrscht geschäftiges Treiben: barfüßige
Kinder und Frauen, die mit bloßen Händen den stinkenden Müll
durchwühlen, um daraus feinsäuberlich nach verschiedenen Materialien
sortierte Haufen zu bilden. Eine gigantische schwarze Rußwolke
steigt irgendwo aus dem Wirrwarr von Wellblechhütten empor, bahnt
sich unerbittlich ihren Weg durch die engen Gassen und raubt uns im
Nu den Atem mit einer neuen, fremdartigen Geruchskomponente. Es riecht
irgendwie chemisch, ein bisschen nach Gefahr, vor allem aber ziemlich
ungesund. Während unser Verstand zum eiligen Rückzug aus der
Gefahrenzone rät, möchte unsere Neugier der Ursache unbedingt
auf den Grund gehen. Langsam setzen wir also unseren Weg fort, vorbei
an den schäbigen Wellblechhütten, die bis zum Rand angefüllt
sind mit Blech, Gummi, Kompost, Papier oder Plastik. Vorbei an grunzenden
Schweinen und meckernden Ziegen, die bis zu den Knien in ihrem eigenen
Kot stehen – immer der Nase nach, dem Quell des Übels entgegen.
Der Besuch der Müllsammlersiedlung von Esbet en Nakhl ist wahrlich
eine Herausforderung für sämtliche Sinne. Am liebsten würde
man die Augen schließen, sich die Ohren zuhalten, nichts mehr
sehen, hören, riechen und vor allem fühlen wollen. Nach dem
touristischen Pflichtprogramm aus Pyramiden und Nationalmuseum, Kunst
und Kultur, pulsierendem Stadtleben und bunten Märkten erscheint
uns dieser Ort wie die reine Apokalypse und doch sind wir erst jetzt
am eigentlichen Ziel unserer Reise angekommen. Mit Kirstin Wolf, der
Vorsitzenden des „Afrika Freundeskreis e.V.“ sind wir nach
Kairo gereist, um eines der Hilfsprojekte, die der Verein unterstützt,
einmal in natura in Augenschein zu nehmen. In Kairo gibt es ca. 50 000
Müllsammler, die in insgesamt 6 Müllsammlersiedlungen leben.
Das Gebiet Esbet en Nakhl liegt im Nordosten von Kairo, etwa 15 km vom
Stadtzentrum entfernt. Hier leben ca. 220 000 Menschen unterschiedlicher
Herkunft und Profession. Am Rande des ganz normalen Kairoer Stadtbildes,
im Westteil von Esbet en Nakhl, stoßen wir schließlich auf
die Hüttensiedlung der Müllsammler. 6000 Menschen arbeiten
hier, ein Viertel davon lebt in rostigen Wellblechhütten, inmitten
dieser riesigen Müllhalde. Es fehlt an jeglicher Infrastruktur,
die unbefestigten Wege sind übersät mit unverwertbaren, stinkenden
Abfällen. Die hygienischen Verhältnisse sind denkbar schlecht.
Um einen realistischen Einblick in die problematischen Lebensverhältnisse
der so genannten Zabbalin (= Müllsammler) zu erhalten, bedarf es
eines Vermittlers, der mit den Gegebenheiten gut vertraut ist. Auf unserer
Erkundungstour durch die Siedlung werden wir daher freundlicherweise
von einem Sozialarbeiter und von Nabil, dem Oberhaupt der Müllsammler
begleitet, die sich eifrig bemühen, unsere Kenntnisse über
das Leben der Zabbalin zu erweitern:
Heute leben zwischen 15 und 20 Millionen Menschen in Kairo, der Hauptstadt
Ägyptens und es werden stetig mehr. Täglich fallen unvorstellbare
Mengen von bis zu 10 000 t Müll an, in denen die Stadt zusehends
erstickt. Bis vor kurzem wurden nur 35% dieser Müllmenge von privaten
Firmen im Auftrag der Regierung entfernt, ganze 40% des Mülls verblieben
in den Straßen Kairos und ein Viertel wurde von den Zabbalin eingesammelt.
In den letzten Monaten änderte sich das jedoch schlagartig. „Bald
werden wir alle arbeitslos sein und keine Möglichkeiten mehr haben,
unseren Lebensunterhalt zu verdienen!“, erzählt uns Nabil
verzweifelt. Was er mit „arbeitslos“ meint, ist mir zunächst
völlig unklar. Denn wie kann man mit einem riesigen Haufen Abfall
überhaupt Geld verdienen?
Meine Vorstellungen, dass die Zabbalin für die Entsorgung des Abfalls
vielleicht von der Administration Kairos finanziell unterstützt
würden, sind jedenfalls völlig falsch. „Ganz im Gegenteil!
Die Regierung möchte die Existenz solcher Müllsammlergruppen
am liebsten vertuschen, da die „schmutzigen“ Müllsammler
so gar nicht ins Bild des modernen Kairos passen wollen.“, klärt
mich Kirstin Wolf auf. Dies führte schließlich dazu, dass
die Zabbalin nur am Rande der Gesellschaft und am Rande Kairos in informellen
Siedlungen geduldet werden. Viele von ihnen wurden sogar als „Gesetzlose“
aus ihren Wellblechhütten vertrieben. Seit Anfang des Jahres 2003
hat die Regierung nun weitere private Müllentsorgungsunternehmen
engagiert, um den Müllsammlern die Existenzgrundlage und damit
ihre „Daseinsberechtigung“ endgültig zu entziehen.
Die Arbeit der Zabbalin gilt seitdem als illegal.
Doch die neuen Unternehmen haben bei weitem nicht so viele Vorteile
wie die Regierung glauben machen möchte. Nach dem neuen System
muss der Müll von den Haushalten zu fest installierten Containern
gebracht werden, die regelmäßig von großen Transportern
entleert werden. Vor allem für alte und kranke Menschen ist dies
eine Zumutung, denn der Weg zu den Sammelbehältern ist weit und
die Entsorgung zudem noch sehr teuer. Früher kamen die Zabbalin
direkt an die Haustüre, um den Müll gegen ein kleines Trinkgeld
in Empfang zu nehmen – doch dies ist ihnen nun verboten. „Wir
recyclen den Müll, was die großen Unternehmen nicht tun.
Das ist viel besser für die Umwelt!“, betont Nabil mit Nachdruck
und fügt trotzig hinzu: „Wir sammeln jetzt eben heimlich
weiter unseren Müll ein.Wir geben nicht auf – niemals!“
Eine Gruppe von Kindern kommt neugierig und fröhlich lachend auf
uns zugelaufen, denn dass sich Touristen in diese Gegend „verirren“,
ist selten. Nabil hat alle Hände voll zu tun, den Eifer der Kinder
zu bremsen. In ihrem fröhlichen Übermut könnten sie nämlich
sehr leicht erheblichen Schaden nehmen. Wie groß die Gefahr ist,
wird uns schon wenig später bewusst, als Nabil sich niederbückt
und zwischen den nackten Kinderfüßen eine achtlos herumliegende
Spritze mit spitzer Kanüle hervorzieht. „Der Klinikabfall
ist hier in Esbet en Nakhl ein großes Problem. Unsere kleine Krankenstation
ist täglich voll mit Kindern, die sich gebrauchte Spritzen in den
Fuß treten oder gar Tabletten hinunterschlucken, die sie im Müll
finden“, erklärt uns der Sozialarbeiter mit sorgenvoller
Miene. Doch auch die mangelnde Hygiene führt zu ernsten Gesundheitsschäden,
denn in einem Müllsammlergehöft leben Mensch und Tier auf
engstem Raum zusammen.
In den Hütten aus Wellblech und Pappe stapelt sich der Abfall,
auf dem die Zabbalin zum Schlafen ihre Matten ausbreiten. Strom- und
Wasserleitungen gibt es keine. Das als Trinkwasser genutzte Grundwasser
ist verseucht, denn die Schadstoffe des verwesenden Mülls und die
Medikamentenabfälle aus den Kliniken sickern ungeachtet in den
Boden. Viele Bewohner der Siedlung sind deshalb von schweren Krankheiten,
vor allem Leber- und Nierenschäden betroffen. Die Lebenserwartung
der Zabbalin liegt deutlich unter der von der restlichen ägyptischen
Bevölkerung. Ungeachtet der zahlreichen gesundheitlichen Risiken
und der menschenunwürdigen Lebensbedingungen zieht es immer wieder
verzweifelte Bauern wegen der allgemeinen Knappheit an landwirtschaftlicher
Nutzfläche nach Kairo, um in der Hoffnung auf ein besseres Leben
den Beruf des Müllsammlers zu ergreifen. So unvorstellbar es auch
klingt: für diese Menschen ist das Müllsammeln die einzige
Möglichkeit, sich ihre Existenz zu sichern.
Wie der Arbeitstag eines Zabbalin aussieht und wie er sein Geld verdient,
erfahren wir am Beispiel eines etwa 15-jährigen Jungen, den wir
bei seiner Arbeit beobachten können. Mehrere Männer wuchten
einen riesigen Sack voller Papierabfall von einem Pickup auf den Rücken
des Jungen. Die schwere Last scheint das Kind unter sich zu begraben,
unsicheren Schrittes wankt es die endlose Gasse hinunter, um den Sack
schließlich taumelnd zu einer großen Waage zu transportieren.
Dann ertönt lautes Freudengeheul. „Der Sack Papier wiegt
70 kg! Das bringt beim Zwischenhändler gutes Geld für den
Sammler und die Rückenschäden sind im Nu vergessen!“,
erklärt Nabil freudestrahlend. So unscheinbar der Sack voller Papier
auf den ersten Blick auch wirken mag, ist er doch das gewinnbringende
Endprodukt eines endlos langen, mühevollen Tages im Leben eines
Zabbalin.
Nacht für nacht ziehen die Männer und Kinder mit Pickups und
Eselskarren durch die Stadt, um den Müll der Haushalte Kairos einzusammeln.
Wenn der Morgen graut, müssen sie sich schleunigst auf den Rückweg
zu ihrer Siedlung machen, da die Regierung ihren Anblick im Stadtbild
nicht duldet. Gegen Mittag liefern die Zabbalin ihre Ausbeute im Hof
der Siedlung ab und überlassen die restliche Arbeit ihren Frauen
und Kindern. Diese benötigen für die Sortierung zwischen fünf
und acht Stunden. Getrennt wird mit bloßen Händen in verschiedene
Körbe nach Papier-, Plastik-, Blech-, Glas-, und organischem Müll.
Mit Ausnahme der organischen Abfälle, die sie an ihre Schweine,
Ziegen und Hühner verfüttern, verkaufen die Zabbalin die sortierten
Wertstoffe zur Weiterverarbeitung an die so genannten Maalim (=Zwischenhändler),
die den Weiterverkauf an die Endabnehmer organisieren. Jeder Zwischenhändler
ist dabei auf einen bestimmten Rohstoff spezialisiert und bezahlt den
Zabbalin nach dem Gewicht der gelieferten Ware.
Müll, der beim Zwischenhändler keinen Absatz findet, muss
von den Müllsammlern gegen Bezahlung auf eine Müllkippe in
der Wüste gebracht werden. Da dies jedoch sehr teuer ist, sind
viele Zabbalin aus existentiellen Gründen dazu gezwungen, den Restmüll
direkt in ihrem Hof zu verbrennen. Womit wir endlich auch der Ursache
des beißenden Geruchs und der schwarzen Rußwolken auf die
Spur gekommen wären: Zwischen zwei Wellblechhütten kokelt
ein verdächtig qualmendes Feuer, in dem bei genauerem Hinsehen
allerlei Plastikgegenstände vor sich hinschmoren. „Eigentlich
sollte das Plastik nicht offen verbrannt werden, weil die Dämpfe
für uns und die Umwelt sehr schädlich sind“, sagt Nabil
beschämt und wirkt plötzlich sehr traurig. Wegen dieser gesundheitlichen
Risiken wurde vom Afrika Freundeskreis e.V. in Zusammenarbeit mit den
Zabbalin und dem Sozialarbeiter bereits vor vielen Jahren ein Konzept
für das Recycling von Plastiktüten ausgearbeitet.
Der Afrika Freundeskreis e.V. finanzierte die dafür benötigten
Maschinen sowie ein spezielles Gebäude, in dem der gesamte Prozess
ablaufen konnte. Die Arbeit wird bis heute von den Zabbalin selbst verrichtet,
die aus dem Verkauf des wiedergewonnenen Plastikgranulats zusätzlichen
Gewinn schlagen. Über mehrere Jahre hinweg lief dieses Konzept
sehr erfolgreich und die gefährlichen Dämpfe über der
Siedlung waren verschwunden.
Doch der Gestank, der neuerlich wieder durch die Gassen zieht, ist das
alarmierende Signal, dass die Arbeitssituation der Zabbalin sich zusehends
verschlechtert und er bietet zudem der Stadtverwaltung ein weiteres
Argument, die ungeliebten Zabbalin zu vertreiben, um anschließend
das frei werdende Gelände für die lukrative Errichtung von
Wohnimmobilien zu nutzen. Um dieser latenten Gefahr entgegenzuwirken,
unterstützt der Afrika Freundeskreis e.V. u.a. ein Rehousing-Projekt
in der Müllsammlersiedlung von Esbet en Nakhl. Während zur
Gründerzeit der Siedlung die Mehrheit der Zabbalin in den Blechhütten
wohnte, in denen sie auch arbeitete, leben heute ca. 75% der Müllsammler
in einem Steinhaus, das sich meistens außerhalb der eigentlichen
Müllsiedlung befindet.
Trotzdem haust immer noch ein Viertel der Zabbalin unter menschenunwürdigen
Bedingungen. Aus hygienischen und gesundheitlichen Gründen ist
eine Trennung von Wohn- und Arbeitsplatz für diese Menschen dringend
notwendig. Das Gesetz schreibt vor, dass in Kairo nur fest gemauerte
Häuser ans Wasser- und Stromnetz angeschlossen werden dürfen.
Mit dem Bau einfacher Häuser schlägt der Afrika Freundeskreis
e.V. daher gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Die Zabbalin bekommen
endlich sauberes Trinkwasser und sind vor der Vertreibung aus ihrer
Siedlung durch die Regierung geschützt, da sie nicht länger
als Illegale in den informellen Wellblechhütten leben. Von einem
Sozialarbeiter, der die Afrika-Freundeskreis-Projekte bei den Müllsammlern
seit vielen Jahren betreut, wurde in Zusammenarbeit mit einem ägyptischen
Bauingenieur ein Musterhaus entwickelt. Es verbindet Funktionalität
mit geringen Baukosten und lässt die Möglichkeit für
spätere Erweiterungen (z.B. 1. Stock) offen.
Die Zabbalin sind außerordentlich stolze Menschen, trotz aller
Widrigkeiten ist ihr Überlebenswille ungebrochen. Daher sieht das
Projekt langfristig vor, überwiegend Hilfe zur Selbsthilfe zu bieten
und die Zabbalin anzuregen, selbst ein Haus aus Stein zu bauen –
soweit ihre Einkommenssituation dies gestattet. Wie wichtig es für
ihr Selbstwertgefühl ist, aus eigener Kraft eine Existenz aufzubauen,
sehen wir am Beispiel der 10-köpfigen Familie, die bereits eines
der wenigen Steinhäuser inmitten der Müllsiedlung bewohnt.
Stolz zeigt uns der Vater sein mehrstöckiges Eigentum. Vor wenigen
Monaten hat er sich nicht einmal im Traum vorstellen können, einmal
Hausbesitzer zu sein. Nur einen kleinen Teil benötigte er an Zuschuss,
um sich seinen großen Traum zu erfüllen. Schon kleine Spenden
können den Grundstein für eine neue, gesicherte Existenz legen.
Wenn man bedenkt, dass ein Ziegelstein inklusive Zement umgerechnet
etwa 10 Cent kostet, waren insgesamt nur 3300 Euro nötig, um einer
Großfamilie den Start in eine neue, gesicherte Zukunft zu ermöglichen!
Voller Eindrücke kehren wir zurück nach Deutschland, ich schalte den Fernseher ein, sehe alarmierende Balkendiagramme von der stetig steigenden Arbeitslosigkeit in Deutschland, höre, dass „alles immer schlechter“ wird und denke mulmig an meine eigene, ungewisse Zukunft. Doch dann tauchen vor meinem geistigen Auge Erinnerungen an die Zabbalin auf: Ich sehe den ungebrochenen Stolz in ihrem Blick, das übermütige Lachen in ihren Augen. Kein Jammern und keine Klagen kommen jemals über ihre Lippen. Ich spüre wieder ihre unbändige Lebensfreude, die mich angesichts all ihres Elends nur fassungslos staunen lässt. Beschämt begreife ich, dass ich mir von diesem bedingungslosen Optimismus und dem starken Willen, sich niemals unterkriegen zu lassen, eine gehörige Scheibe abschneiden kann. Und plötzlich erfüllt mich tiefe Dankbarkeit, dass ich diesen Menschen begegnen durfte.
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