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 Reiseberichte
aus Madagaskar
Wunderwelt Pangalaneskanal
Wo der Indische Ozean den Regenwald
berührt Eine
Reise entlang des über 600 km langen Pangalaneskanals an der Ostküste
von Madagaskar. Eine Reise zu den entlegendsten Gebieten dieser riesigen
Insel - zwischen Indischem Ozean und den letzten Regenwäldern von
Madagaskar.
Der Weg ist das Ziel
Ein schriller Pfiff versetzt die fliegenden Händler in hektische
Betriebsamkeit. Schnell wird noch ein Bündel Bananen durch das offene
Zugfenster geschleudert, wie eine anmutige Ballerina tänzelt eine
alte Frau auf Zehenspitzen an den Zugabteilen entlang und balanciert dabei
einen Teller mit Riesengambas auf ihrem Kopf, während sich Fahrgäste
zu ihr herunterbeugen und sorgfältig ihre Wahl treffen. Zwei Teenager
mit lustig abstehenden Rastazöpfen lassen ihren ganzen Charme spielen,
zwinkern Beppo zu und rufen kokett: "Hey, Vazaha!" (Das ist
madagassisch und bedeutet soviel wie "Bleichgesicht") - und
schon sind wir die stolzen Besitzer eines dampfenden Pakets aus Bananenblättern,
deren Inhalt sich als warmer, klebriger Kuchenbrei entpuppt - schleimig
zwar, aber wirklich lecker!

Preise werden durch die Zugfenster gerufen, eiliges
Kramen in den Hosentaschen, Waren und Geldscheine wechseln ihre Besitzer,
das kleine Mädchen mit den Mandelaugen starrt verzückt auf die
silberne Münze in seiner Hand, die es für den Verkauf einer
roten Hibiskusblüte erhalten hat. Ein Ächzen und Stöhnen
geht durch den grünen Zug, bevor er sich mit einem Ruck in Bewegung
setzt. Während die Fahrgäste zufrieden ihre Einkäufe verstauen,
schlängelt er sich quietschend und schnaufend durch saftig grüne
Bananenwälder, vorbei an steil abfallenden Berghängen und dampfenden
Nebelwäldern.
Ein langgehegter Traum
wird wahr
Madagaskar, diese ferne Insel im Indischen Ozean, hat so lange ich zurück
denken kann, eine besondere Faszination auf mich ausgeübt. Vor Jahrmillionen
ist Madagaskar aus dem Urkontinent Gondwana hervorgegangen und durch die
Isolation der Insel konnten hier Tier- und Pflanzenarten fortbestehen,
die auf dem Festland durch höher entwickelte Arten verdrängt
wurden. Urzeitlich anmutende Chamäleonarten, sozial lebende Halbaffen
und endemische, sukkulente Pflanzen lassen das Herz jeden Naturliebhabers
höher schlagen
Madagaskar ist ein einzigartiger Mikrokontinent,
dessen landschaftliche Vielfalt von Wanderdünen, über Dornensteppen
bis hin zu saftig grünen Reisfeldern und Bergnebelwäldern reicht.
Vor über 20 Jahren hatte ich eine Reportage über einen Süßwasserkanal
an der Ostküste gelesen, den sogenannten Pangalaneskanal. Die Idee,
per Einbaum diesen entlegenen Winkel unserer Erde zu entdecken, als Wanderer
zwischen den Welten unterwegs zu sein und hautnah zu erleben, wie der
Ozean den Regenwald berührt, ließ mich seither nicht mehr los.
Jetzt blicke ich aus dem Zugfenster auf die vorbei
hastende Landschaft und empfinde ein unbeschreibliches Glücksgefühl.
Denn mit jedem Kilometer, den sich dieser Zug die extrem steile Strecke
durch das östliche Hochland von Madagaskar quält, komme ich
meinem Traum ein Stückchen näher. Diese legendäre Eisenbahnstrecke
führt von Fianarantsoa, einer Stadt im zentralen Hochland von Madagaskar,
nach Manakara, einer Küstenstadt an der Ostküste - für
160 Kilometer brauchen wir fast 11 Stunden. Doch kaum hat man sich mit
der langsamen Art des Reisens und dem "Mora, Mora!" ("Eile
mit Weile") - Konzept der Madagassen arrangiert, geht es hinter der
nächsten Wegbiegung hinein in einen der unzähligen Tunnels.
Der Zug gewinnt an Tempo, poltert und kracht - ein Gefühl wie in
der Geisterbahn. Im Dunkeln hat man Zeit über Zugentgleisungen und
versagende Bremsen nachzudenken.
Aufbruch ins Neuland
Der nächste Morgen begrüßt uns mit strömendem Regen,
es ist schwül-heiß, dampfig und der Kreislauf arbeitet auf
Sparflamme - kurzum: ganz typische klimatische Bedingungen an der Ostküste!
Manakara ist der ideale Ausgangspunkt für eine 5-tägige Pirogentour
auf dem Pangalaneskanal. Die meisten Menschen leben hier vom Fischfang
- geeignete Bootsmänner, welche die typischen Holzeinbäume besitzen,
sind deshalb schnell gefunden.
Wir falten uns zwischen Rucksäcke, Campingausrüstung und Proviant
in die enge Piroge. Auf dem Holzboden sammelt sich sofort Wasser, das
gesamte Boot hat bei dieser Maximalbeladung bedenklichen Tiefgang. Feuchter
Hosenboden von unten, Regenwasser, das aus den tropfenden Haaren in die
Augen rinnt von oben - kein besonders gelungener Start in meinen Traum!
Mit jedem Ruderschlag werden die Häuser von Manakara kleiner. Der
Kanal fließt zunächst breit dahin, die Uferböschungen
sind gesäumt von grünen Sträuchern und hohen Büschen.
Unvermittelt reißt der Himmel auf und die Wassergeister erheben
sich. Sie wabern in immer neuen, bizarren Nebelgestalten über das
Wasser. Der Pangalanes verwandelt sich in einen riesigen Reflektor und
das gleißend helle Licht der hervorbrechenden Sonne raubt uns die
Orientierung.
Unbeirrt gleitet unsere Piroge im Einklang mit dem
Rhythmus der Gesänge unserer Bootsmänner durch das Wasser. Sie
zeigen keinerlei Ermüdungserscheinungen, Schlag um Schlag durchpflügen
ihre schweren Holzpaddel das spiegelglatte Wasser. Bald mischt sich der
leicht modrige Geruch des Kanalwassers mit einer salzigen Brise. Das beruhigende,
gleichmäßige Geräusch der eintauchenden Paddel wird geschluckt
vom Rauschen der Brandung. Ist das Gefühl, in der Nähe des Meeres
zu sein, nur eine Sinnestäuschung?
Der Kanal wird immer schmaler und das Wasser flacher - zu flach für
unser überladenes Boot. Das bedeutet für uns: Aussteigen, Hosen
hochkrempeln und den festsitzenden Einbaum watend vorwärts ziehen.
Auf der Suche nach einem Picknickplatz für
eine kleine Pause bahnen wir uns den Weg durch das üppige Gestrüpp
am Ufer und folgen einem schmalen Trampelpfad, der sich durch ein kleines
Wäldchen steil bergauf windet. Das Tosen der Brandung wird mit jedem
Schritt lauter. Es kommt mir vor, als seien wir in einen verwunschenen
Zauberwald eingetreten, in dem das Tor zu einer fremden Welt verborgen
liegt. Wir brauchen nur hindurch zu treten, hinaus auf diese goldgelbe
Dünenlandschaft - und vor uns erstreckt sich glitzernd und schäumend
der türkisgrüne Ozean bis zum Ende des Horizonts.
Aus der Not geboren
- Der Pangalaneskanal
Das Meer übt hier eine ganz eigenartige Faszination aus. Es ist wie
bei einem offenen Feuer, von dessen züngelnden Flammen man den Blick
nicht wenden kann. Man löst sich auf im Sog der heranrauschenden,
gigantischen Wellenbrecher, die ohne Unterlass ans Ufer rollen. Und plötzlich
wird Vergangenheit lebendig:
Im Geiste sehe ich große Frachtschiffe, die gegen die stürmische
See ankämpfen und doch keine Chance haben. Die Versorgung der hier
lebenden Menschen mit Waren über den Seeweg scheint aussichtslos.
Dieses Problem erkannten die französischen Kolonialherren zu Beginn
des 20. Jahrhunderts und handelten. Sie ließen parallel zur Ostküste
den 665 km langen Pangalanes-Kanal, den längsten Süßwasser-Kanal
der Welt, von 5000 Arbeitern bauen. Küstennahe, natürliche Seen
wurden geschickt durch künstliche Gräben verbunden, die wiederum
durch zahllose Zuflüsse aus der östlichen Bergkette Madagaskars
gespeist werden. Auch heute noch wird der Pangalanes von Booten für
den Warentransport genutzt, doch wie wir am eigenen Leib feststellen mussten,
ist er aufgrund seiner stetig zunehmenden Verlandung heute für schwere
Boote nicht beschiffbar. Die meisten Menschen, die sich in der Nähe
des Kanals angesiedelt haben, leben deshalb als Selbstversorger und ernähren
sich hauptsächlich vom Fischfang.
Verzaubert - Einblicke
in die madagassische Mythologie
Als die Sonne untergeht, paddeln wir durch eine grandiose Seenlandschaft,
dicht gesäumt von wogenden Schilfgraswiesen. Und hier zeigt das tropisch-feuchte
Klima seinen ersten, ganz entscheidenden Vorteil: kleine Schäfchenwolken
saugen gierig die Feuchtigkeit auf, werden größer und größer.
Bald türmen sich gigantische Wolkenberge am Himmel, die von den letzten,
durchbrechenden Sonnenstrahlen effektvoll in Szene gesetzt werden - eine
Sinfonie in Orange und Blau. Unsere Piroge gleitet durch einen rotglühenden
Lavasee, bei jedem Paddelschlag sprühen die Funken.
Kein Wunder, dass sich zahlreiche Mythen und Legenden
um die Seen des Pangalanes-Kanals ranken. Das Handeln der Menschen wird
in dieser verwunschenen Gegend nach den sogenannten Fadys ausgerichtet,
die in der madagassischen Weltanschauung eine große Rolle spielen.
Das sind "Gesetze" oder "Verbote", die streng beachtet
werden müssen, damit kein Unglück geschieht. So ist es auf einigen
Teilen des Kanals nicht erlaubt, rote Kleidung zu tragen oder bei der
Durchquerung des Sees zu sprechen. Wer diese Fadys missachtet, den schluckt
der See für alle Zeiten.
Gerade noch rechtzeitig schlagen wir die Zelte auf, bevor die grandiose
Wolkenstimmung umschlägt in einen abendlichen Wolkenbruch. Wir bauen
einen Baldachin aus einer Plastikplane und während auf dem Lagerfeuer
frische Langusten grillen, nehmen wir schon einmal den Schlummertrunk
vorweg: Rum Vanille und selbstgemachten Punsch Coco - könnte das
Leben schöner sein?
Auf den Spuren der
Fabelwesen
Am nächsten Tag "übernehmen" die Vazahas das Ruder
und stellen nach kürzester Zeit fest, dass das ein echter Knochenjob
ist. Die glitzernden Seen, die von Horizont zu Horizont reichen, gehen
über in ausgedehnte Flussauen mit einer unendlich artenreichen Vogelwelt
oder in enge, moorbraune Kanalarme mit starker Strömung. Manchmal
durchbricht der Ozean mit seiner unbändigen Kraft die schmale Barriere
zwischen sich und dem Hinterland und trifft ungebremst auf den Kanal.
Er bringt die Einbäume, die friedlich auf dem Kanal daherdümpeln,
ins Schwanken und schafft durch die Durchmischung seines Salzwassers mit
dem Süßwasser des Kanals einen neuen Lebensraum für brackwasserliebende
Arten. Die Natur folgt hier ihren eigenen Gesetzen, der Mensch ist klein
in seinen Möglichkeiten.
Die Strömung wird immer stärker, wir müssen
beim Rudern richtig Gas geben, um nicht abgetrieben zu werden. Der Kanal
ist bald nur noch wenige Meter breit und die sonnigen Uferböschungen
werden gesäumt von üppigem Grün. Eisvögel sitzen auf
den bizarren Elefantenohr-Pflanzen und haben ihren Blick starr auf die
Wasseroberfläche gerichtet, bereit zur Jagd auf ein vorbeischwimmendes
Fischchen. Ein Summen, Zirpen und Surren zahlloser Insekten liegt in der
Luft und beweist, dass die Taktik der fleischfressenden Kannenpflanze,
die hier in großen Büschen wächst, voll aufgeht. Mit ihrem
(für den Mensch nicht wahrnehmbaren) verführerischen Duft lockt
sie die Insekten in ihre tödliche Falle. Die endemische Ravenala
madagascariensis ragt vielerorts aus dem dichten Unterwuchs. Diese Bananenpflanze
trägt einen langen Stamm, an dessen Ende sich ein Blattfächer
befindet, der die einzelnen Wedel genauso majestätisch abspreizt
wie ein balzender Pfau seine Schwanzfedern beim Radschlagen. Ihr charakteristisches
Äußeres machte sie zum Wahrzeichen Madagaskars und weil die
Reisenden in früheren Zeiten mit der Machete ein Loch in den Blattfächer
schlugen und trinkbares Wasser herauslief, gaben ihr die Einheimischen
auch den Namen "Baum der Reisenden".
Dieser Pflanzenreichtum ist Vorbote für den
wohl spannendsten Abschnitt des Pangalanes - den Weg durch den Regenwald.
Immer weiter verjüngt sich der Kanal, bis kaum mehr zwei Boote nebeneinander
passen. Unvermittelt gleiten wir hinein in das undurchdringliche Dickicht
des Urwaldes. Immer wieder packt unser madagassischer Freund Patrick seine
große Machete aus und schlägt überhängende Elefantenohr-Pflanzen
und Zweige ab. Er leistet damit einen wichtigen Beitrag, um den schmalen
Kanal vom Wildwuchs zu befreien. Ließen die Einheimischen hier der
Natur freien Lauf, wären sie bald vollkommen von der Außenwelt
abgeschnitten. Der Kanal ist ihre einzige Versorgungsader - würde
er zuwuchern, gäbe es keine Möglichkeiten zum Waren- und Personentransport
mehr.
In das Zwitschern der Vögel mischt sich das Rauschen der Baumwipfel.
Frösche quaken, Grillen zirpen und die Strömung gluckst und
plätschert unter unseren Booten. Sonnenstrahlen fallen durch das
Blätterdach und malen bunte Muster auf das Wasser, in dem sich die
exotischen Pflanzen tausendfach widerspiegeln. Knallbunte Frösche
lauern an den Ufern auf vorbeifliegende Beute, giftgrüne Spinnen
sitzen perfekt getarnt auf giftgrünen Pflanzen oder sind geschäftig
dabei, große Netze hoch über unseren Köpfen zu spannen.

Ein Chamäleon sitzt reglos auf seinem Ast, wartet
bis ihm ein Insekt direkt vor die Nase fliegt. Mit seinen getrennt voneinander
beweglichen Augen visiert es das Opfer kurz an, dann schnellt die klebrige
Zunge in Sekundenbruchteilen hervor, packt das Insekt und schleudert es
direkt in den Schlund des Jägers. Unsere Bootsmänner wirken
beunruhigt - die Legende nämlich besagt, dass dieses Tier ein Unglücksbote
sei, ein Wanderer zwischen den Welten, der mit einem Auge ins Diesseits
und gleichzeitig mit dem anderen Auge ins Jenseits blicken könne.

Verschätzt
Der Kanal gewinnt wieder an Breite und das Rauschen des Meeres ist jetzt
deutlich zu hören. Doch schon bald überrascht uns die Nacht.
Zunächst ist es romantisch, unter dem Himmelszelt dahinzugleiten
- Millionen funkelnder Sterne über dir und nur der Mond leuchtet
den Weg. Doch irgendwann beschleicht mich Unruhe, das Gefühl von
Raum und Zeit geht verloren. Sekunden werden zur Ewigkeit, Meter zu Kilometern
und das schwarze Nichts droht alles zu schlucken. Das Rauschen des Meeres
wird immer lauter, das Wasser schwappt unruhig an den Bootsbug. Was, wenn
wir ausgerechnet in die Richtung steuern, wo das Meer nach dem Kanal greift
und ihn vereinnahmt? Was, wenn der Sog uns plötzlich hinauszieht?
Panisch leuchte ich mit meiner Stirnlampe auf die schwarze Tinte, die
unseren Einbaum umspült. Im flackernden Lichtkegel nehme ich in weiter
Ferne die Schemen einer langgestreckten Erhebung wahr - eine Sandbank,
endlich!

Schweigend bauen wir die Zelte auf, die Bootsmänner
entzünden ein großes, wärmendes Feuer – wohltuend,
denn wir sind durchnässt bis auf die Haut. Das Krachen und Brausen
des Ozeans mischt sich mit dem Knacken der trockenen Zweige - ich bin
zu müde, um mir Gedanken zu machen, wo das Meer geblieben ist!
Plötzlich liegt ein sehr verführerischer, süßlicher
Duft in der Luft - ein leiser Hauch von Sandelholz und Moschus. "Zebushit!"
antworten die Bootsmänner trocken auf meinen fragenden Blick. Es
ist das alte "Hausmittel" der Einheimischen: Wenn du möchtest,
dass dein Feuer auch am nächsten Morgen noch schwelt, um deinen Frühstückskaffee
zubereiten zu können, dann lege getrocknete Zeburinder-Fladen aufs
Feuer. Das ist besser als jedes Brikett, weil es erstaunlicherweise auch
noch gut riecht!
Urgewalten
Als ich am nächsten Morgen schlaftrunken die Zeltplane öffne,
kann ich mich mit eigenen Augen überzeugen, dass dieses Zebu-Brikett
wirklich funktioniert: Der Wasserkessel dampft bereits auf dem Lagerfeuer!
Mit einer Tasse Kaffee in der Hand erklimme ich die steile Sandanhöhe,
die sich wenige 100 Meter hinter unserem Camp erhebt und trete wieder
durch das Tor zu einer anderen Welt: Atemlos blicke ich auf die grauen
Wellenwände, die stetig auf den rötlich glitzernden Sandstrand
zurollen. Beobachte, wie sie krachend zerbersten, in tausend kleine Stücke
zerfallen, sich in brodelnden, wirbelnden Schaum verwandeln. Mit langen
Fingern greift sich der Ozean den Sand und schluckt ihn gierig, bevor
er sich auf und davon macht, um seine Kräfte neu zu sammeln, um als
riesige Wasserwand wiederzukehren, die alten Spuren zu verwischen und
neue zu hinterlassen.
Am Horizont geht die Sonne auf.

Plötzlich erwacht der Strand zu ungeahntem Leben.
Wie eine ganze Armee von geschäftigen Ameisen wuseln dunkle Schattenrisse
über den Sand - Fantasiegestalten auf zwei Beinen, aus denen ein
überdimensionaler, länglich verformter Kopf zu wachsen scheint!
Es sind Fischer, die ihre Einbäume zum Tragen umgedreht über
Kopf und Schultern gestülpt haben. Was ich sehe, kann und will ich
einfach nicht glauben.
Die Männer steigen in ihre schmalen Holzboote und warten. Sie warten
auf die nächste, riesige graue Wasserwand, die sich direkt vor ihren
Augen in gurgelnde Schaumfinger verwandeln wird. Finger, die sich wie
ein Schraubstock um das Boot schlingen, es hinausziehen werden auf das
offene, tosende Meer. Der Mensch - hier so erschreckend klein in seinen
Möglichkeiten - gegen den Ozean, das kann nicht gut gehen!

Die Welle bricht und vergräbt das Boot unter
ihren Scherben, reißt es mit sich fort. Wie ein Sektkorken schießt
der Einbaum wenig später wieder an die Wasseroberfläche, der
Fischer schöpft verzweifelt das Wasser aus dem Bootsinneren. Doch
schon rauscht die nächste Welle heran, sie wächst mit jedem
Meter, den sie näher kommt. Sie kommt frontal, das kleine Holzboot
samt Fischer scheint für Sekundenbruchteile an der senkrecht aufragenden
Mauer fest zu hängen. Mit seinem winzigen Holzpaddel schlägt
der Mann nach den feuchten Armen, die nach ihm greifen. Am höchsten
Punkt der Welle gibt es kein Zurück mehr: Der Bootsbug kippt und
das kleine Holzboot stürzt aus mehreren Metern Höhe im freien
Fall in die brodelnde Suppe tief unter ihm. Doch der Mann gibt nicht auf.

Während sich die meisten anderen Fischer in
ihr Schicksal fügen und sich unverrichteter Dinge zurück ans
Ufer spülen lassen, kämpft er tapfer weiter. Welle um Welle,
bis er den Platz erreicht, an dem die Sonne das Meer besiegt hat. Den
Platz ganz draußen auf hoher See, weit hinter dem Horizont. „Warum
tut ein Mensch etwas derartig komplett Verrücktes?“ frage ich
mich kopfschüttelnd, während seine Schemen kleiner und kleiner
werden.

Liegt das Geheimnis
in der Vergangenheit?
Vielleicht liegt der Schlüssel zu diesem Rätsel in der Geschichte?
Vielleicht treibt diesen Mann die selbe Abenteuerlust, die bereits seine
tapferen Vorfahren veranlasste, seltsame Dinge zu tun? Erst seit 1000
nach Christus leben Menschen auf dieser Insel und die ersten Siedler kamen
erstaunlicherweise nicht vom nahen, afrikanischen Festland, sondern aus
dem indomalaiischen Raum. Sie bestiegen ihre Holzboote und hangelten sich
immer an der Küste entlang bis nach Madagaskar! Später folgten
die Araber. Sie waren es vermutlich auch, welche die ersten Afrikaner
als Sklaven mit nach Madagaskar brachten. Heute leben hier 19 verschiedene
Volksstämme nach ihren ganz eigenen Traditionen und Bräuchen,
sie leben Seite an Seite zusammen und sie halten ihr kulturelles Erbe
mit Stolz aufrecht. Die Liebe zu ihrer Insel kann man in jedem einzelnen
Lächeln der Menschen wiederfinden. Und in ihren unterschiedlichen
Gesichtszügen und Hautfarben lässt sich diese bewegte Besiedlungsgeschichte
nachlesen wie in einem offenen Buch...

Der Mann und das Meer
Eine graue Wasserwand rollt heran. Sie teilt sich und spuckt ein kleines
Holzboot in die Gischtstrudel zu ihren Füßen, ein Mann springt
heraus und entreißt seinen wertvollen Einbaum den schäumenden
Klauen, die an seinen Füßen zerren. Es ist mein mutiger Fischer.
Der kleine Mann hat über das mächtige Meer gesiegt. Er wurde
belohnt mit einem großen Fang, einem Hochseehai. Seine Frau kommt
auf ihn zugelaufen, umarmt ihn. Seine 4 Kinder stürzen sich auf ihn
und plappern aufgeregt durcheinander. Das ganze Dorf hat sich versammelt,
um den Helden zu feiern. Sein großer Fang wird nicht nur die Familie
satt machen, sondern auch die Gemeinschaft ernähren und so den täglichen
Kampf ums Überleben etwas leichter machen.
"Warum tut ein Mensch also etwas derartig komplett Verrücktes?"
Plötzlich ist die Antwort ganz einfach: Er hat keine andere Wahl!

ENDE
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