
Reiseberichte
aus dem südlichen Afrika
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Swasiland - Zu Fuß im Reich der
wilden Tiere
Auszüge aus einem Reisetagebuch
Über drei Meter hoch ragen die mächtigen
Eisengitter gegen den nachtschwarzen Himmel. Im fahlen Schein der Taschenlampe
flackert die Warnung: High electricity! Keep out! Die frühmorgendlichen
Nebelschwaden lassen mich frösteln, ich schlucke schwer und fühle
mich wie eine unfreiwillige Protagonistin im Film „Jurassic Park“.
Ich hier draußen, die wilden, blutrünstigen Bestien da drinnen,
nur darauf wartend, dass der Strom ausfällt... .

„Sawubona!“ Ich schrecke aus meinen Gedanken hoch, Kies
knirscht unter den Füßen der dunklen Gestalt, die sich uns
unaufhaltsam nähert. „Sawubona!“ ruft Beppo hocherfreut
zurück, „Da ist Themba ja endlich!“. „Sawubona“
bedeutet auf Siswati, der Sprache der Swasi, so viel wie „Guten
Morgen!“ Doch was um Himmels Willen konnte an diesem Morgen gut
sein? Eilig zupfe ich Beppo am Hemd und flüstere ihm zu: „Du
der hat doch hoffentlich eine Knarre dabei?“ In diesem Moment
durchdringen die ersten Sonnenstrahlen des Morgens die taubedeckten
Savannenbüsche und werfen ihr Licht auf die herannahende Gestalt.
Es ist tatsächlich Themba, der junge naturkundliche Führer
aus Swasiland, der uns in den letzten Tagen auf mehreren Autosafaris
schon viel Wissenswertes über den Hlane Royal National Park vermittelt
hat.

Er sieht verändert aus: seine weißen Gigoloklamotten und
der Panamahut sind einem dunkelbraunen Tarnoverall gewichen, die feschen
Leinenschuhe dicken olivgrünen Gummistiefeln. Meine Hoffnung auf
ein anständiges Gewehr sinkt just in diesem Moment auf den Nullpunkt,
als er uns mit einem etwa 50 cm langen Holzstöckchen entgegenwinkt
und ruft: „Nur für den Fall, dass ein Nashorn angreift!“
Schlagartig wird mir bewusst, dass ich mich in wenigen Minuten diesseits
des schützenden Elektrozaunes befinden werde – im Reich der
wilden Tiere und zwar zu Fuß! Kein schützendes Autoblech,
keine Möglichkeit, den Rückwärtsgang einzulegen und zu
verschwinden. Nur wir drei, ein mickriges Stöckchen und enorm große,
enorm wilde und wohl auch enorm gefährliche Tiere, bei deren Begegnung
ich schon häufig dankbar war, ein paar PS unter dem Hintern zu
haben. Wie durch einen Nebelschleier nehme ich Thembas Instruktionen
auf: „Wenn das Nashorn ein Junges dabei hat, ist es häufig
sehr aggressiv und kommt gerne näher. Da Nashörner sehr schlecht
sehen können, versteckt man sich am besten hinter einem dicken
Baum! Dunkle Kleidung wäre übrigends besser gewesen!"

Ich schaue auf mein hellblaues T-Shirt. Na super! Wir haben mittlerweile
das Eisentor passiert und ich blicke mich panisch um – da ist
kein einziger Baum weit und breit, dessen Stamm ich nicht mit bloßen
Händen umfassen könnte! Oh Gott, da kann ich nicht mal meinen
großen Zeh dahinter verstecken!
Ich atme tief durch. Die Luft ist erfüllt von ei nem charakteristischen
Geruch aus feuchter Erde und afrikanischer Buschvegetation. Doch da
ist noch etwas. Ein durchdringender süßlich-penetranter Gestank,
der mich stark ans Raub tierhaus im Zoo erinnert. Themba bleibt abrupt
stehen und zeigt auf den Boden unter mir, von dem eigenartige Nebelschwaden
aufsteigen. „Du stehst mitten in einer Nashorn-Toilette“,
doziert er freudig strahlend.

Entsetzt springe ich aus dem dampfenden Haufen während Themba erklärt:
„Übrigends ist der Kot ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal
zwischen Spitz- und Breitmaulnashörnern. Breit- maulnashörner
lassen nach dem Geschäft einen wohlgeordneten Fladen zurück,
Spitzmaulnashörner hingegen stampfen mit ihren Hinterbeinen alles
in Grund und Boden!" Danach urinieren beide Arten auf ihre Klostelle,
um sie zu markieren. Artgenossen können aus der Duftmischung aus
Urin und Kot wichtige Informationen über den Toilettenbesitzer
ziehen. "Oh Gott!" denke ich im Stillen bei mir, was werden
diese Viecher wohl aus meinem Turnschuhprofil lesen?

Hektisch versuche ich die verräterischen Reste im hohen Gras abzustreifen.
Dabei male ich mir aus, dass der Klobesitzer in der Nashornwelt so ein
richtig unbeliebter Zeitgenosse ist und schon sein bloßer Geruch
die anderen Nashör- ner in Rage versetzt. Oder noch viel schlimmer:
Der Produzent dieses stinkenden Haufens findet es gar nicht komisch,
dass ich mit seiner Buschtoilette durch die Gegend renne! Ganz nach
dem Motto: „Wer hat auf meinem Klo ge- sessen?“ Themba unterbricht
mein Herum- sinnieren: „Ihr habt echtes Glück, in unserem
Park gibt es nur die recht friedfertigen Breit- maulnashörner.
Die sind nicht ganz so aggressiv wie ihre spitzhörnigen Verwandten."

Nur wenn sie Junge haben, dann sind sie hochnervös! So und nun
wollen wir mal Spuren lesen!“ Themba krempelt seinen braunen Overallärmel
nach oben und versenkt ohne Zögern sein ganze Hand in dem zähen,
damp- fenden Dunghaufen. „Okay, noch fast Körpertemperatur.
Das Tier muss noch ganz in der Nähe sein! Folgt mir leise!“
Während wir vor- sichtig durch das dichte Unterholz kriechen, erklärt
Themba flüsternd, dass Nashörner ihr schlechtes Sehvermögen
durch ihr exzellentes Gehör kompensieren. Wir halten inne und horchen.
Es ist eine friedvolle Stille. Ab und zu krächzt ein Nashornvogel
im Gebüsch, dann hören wir ein heiseres Kichern. „Hungrige
Hyäne!“, sagt Themba kurz. Wie beruhigend! Wir kriechen weiter.
Hinter dem näch sten Gebüsch ist eine kleine Lichtung. „Da
sind sie. Vorsicht jetzt!“, zischt Themba. Dann steckt er die
Finger, die vorher noch im Dunghaufen wühlten, in den Mund und
hebt sie über den Kopf. „Sehr gut, wir stehen gegen die Windrichtung“,
sagt er beruhigt, „Nashörner können nämlich auch
richtig gut riechen!“

Und nun sehen auch wir sie. Zwei ausgewachsene Nashörner und ein
Jungtier, liegen keine zehn Meter vor uns auf der Lichtung herum. So
groß und massig, dass kein Zweifel offen bleibt: Mit einem einzigen
Tritt stampfen die uns lo- cker in Grund und Boden!
Bei dem Gedanken trete ich vor Schreck auf einen großen Ast, der
mit lautem Knacken zersplittert. Ich könnte im Boden versinken!
Die Tiere spitzen die Ohren. Das Kleine blinzelt ungläubig in unsere
Richtung und trabt neugierig näher. "Übrigends ein weiteres
Unterscheidungsmerkmal zwischen den Nashornarten", erklärt
Themba leise, "bei den Spitzmaulnashörnern läuft das
Jungtier immer hinter der Mutter her, bei unseren Breitmaulnashörnern
gibt jedoch der Nachwuchs den Ton an und bestimmt, wo es langgeht, indem
es stets vorrausläuft! Und das ist momentan ganz schlecht"
flüstert Themba nervös,"denn Mami mag es gar nicht, wenn
ihr Kleines mit Fremden spricht!"

Jetzt sind auch die Alten auf uns aufmerksam geworden! Sie spitzen die
Ohren. Staub wirbelt durch die Luft, als sie sich ruckartig aus ihrer
Liegeposition herauswuchten und trotz ihrer massigen Leibesfülle
äußerst behend in unsere Richtung drehen. Aus ihren kleinen
Augen blinzeln sie missmutig zu uns herüber.
Das ist zuviel für mich. Ich flüchte hinter eine spindeldürre
Miniakazie, während Beppo im Fotofieber die Welt um sich vergisst.
Dann geht alles ganz schnell. Der Boden vibriert unter meinen Füsßen,
die sonnendurchflutete Lichtung ist stauberfüllt. Starr vor Schreck
nehme ich wahr, dass die Tiere unaufhaltsam auf uns zutraben! Das wars
dann wohl, ade du schöne Welt!

Doch was macht Themba? Ist er völlig übergeschnappt? Er springt
mit seinem lächerlichen Stöckchen aus seinem Versteck und
wirft sich auf die Lichtung, direkt vor unsere Angreifer. Die bremsen
abrupt und zwinkern ungläubig - soetwas Freches ist ihnen ja noch
nie untergekommen! Schnell klopft Themba mit seinem Hölzchen gegen
mein dürres „Akazienversteck“. Die Nashörner reißen
verschreckt die Köpfe nach oben, nur eine Millisekunde zögern
sie, bevor sie in bestem Einvernehmen laut trampelnd im Unterholz verschwinden.
„Seht ihr, sooo aggressiv sind unsere Swasi-Nashörner doch
wirklich nicht!“, sagt Themba lachend und auch ein ganz kleines
bisschen stolz.

ENDE

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